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Wer sich dennoch der Herausforderung stellt, st\u00f6\u00dft auf einen Kosmos von verwirrender Komplexit\u00e4t.\r\n\r\nSchon die Zeitgenossen hatten gro\u00dfe Schwierigkeiten, sich ein Bild von Gustav Landauer zu machen, das vor der Wirklichkeit standhielt. War er nun tats\u00e4chlich der \u201eIdealist\u201c, \u201eFeuerkopf\u201c, \u201eSchwarmgeist\u201c? Die zahlreichen, v\u00f6llig widerspr\u00fcchlichen, schriftlichen Zeugnisse, deren zeitlicher Schwerpunkt in der Revolutionszeit 1918/19 liegt, zeigen die ganze Stimmungsbreite von antisemitischen Anw\u00fcrfen bis hin zur hemmungslosen Verehrung des Lehrers und \u201eheimlichen F\u00fchrers\u201c. Fast immer wird Gustav Landauer zu einer Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr stark polarisierende, negative wie positive Gef\u00fchle, die verhindern, dass echte Wertungen vorgenommen werden k\u00f6nnen. So spiegeln die kritischen \u00c4u\u00dferungen, aber auch die lobenden W\u00fcrdigungen h\u00e4ufig eher die Seelenlage ihrer Urheber wider, als dass sie f\u00fcr Erkenntnisse in der Sache f\u00f6rderlich w\u00e4ren. (\u2026)\r\n\r\nLandauer wollte es seinen Zeitgenossen nicht leicht machen. Seine letztlich fehlende Massenwirksamkeit ist sehr stark auf seinen Anspruch zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Denken und kritisch vermitteltes Handeln eine unabdingbare Einheit bilden sollen, dass Denken ohne zu Handeln sinnlos bleibt. Hier bewahrheitet sich eine Sentenz Ernst Simons: \u201eDie Heiligen sind die faulen Ausreden des Gewissens. Der Gerechte ist sein Sporn.\u201c F\u00fcr den, der sich darauf einl\u00e4sst, wird Gustav Landauer zu einer Herausforderung: eine Herausforderung, die nicht jeder ertragen kann und die Landauer auf tragische Weise das Leben gekostet hat. Dieser \u201eProphet des Friedens\u201c war in M\u00fcnchen neben M\u00fchsam und Toller der meistgehasste Mann der R\u00e4tezeit. Mit seinem \u201eanderen Blick\u201c, seiner \u201eanderen Sicht\u201c der Dinge und Zusammenh\u00e4nge verlangt er h\u00e4ufige Perspektivwechsel, bietet Reibungsfl\u00e4chen, wird zur Strapaze, wenn er gelegentlich Bildungsvoraussetzungen anmahnt, die auch bei der heutigen geistigen Elite keineswegs Allgemeingut sind. Seine Skepsis gegen\u00fcber der Aussagef\u00e4higkeit und Wirksamkeit von Sprache, die er an den sprachkritischen Werken seines Freundes Fritz Mauthner geschult hat, beinhaltet gleichzeitig den \u2013 sehr modern anmutenden \u2013 Verzicht auf ein konzises geistiges System, dem man sein Denken getrost empfehlen kann.\r\n\r\nDie neuerlich in Gang gekommene wissenschaftliche Rezeption seines Werkes auf der Basis der Originalquellen, insbesondere aber Studien zu seinem Wirken k\u00f6nnten ein anderes Bild ergeben, als es die bisherige Literatur zum Thema zulie\u00df. Es gilt auch bei Landauer Abschied zu nehmen von tradierten Denkformeln, von Sprachh\u00fclsen und eigenen Lieblingsgedanken. Bisher stellen sich mehr Fragen als Antworten. Z.B.: Wie gro\u00df war der immer wieder behauptete Einfluss Gustav Landauers auf Teile der expressionistischen Generation, der deutschen und j\u00fcdischen Jugendbewegung und auf Teile der kritischen Intelligenz bis hin zu den j\u00fcdischen Siedlern der zweiten Generation wirklich?\r\n\r\nDie vorliegende Publikation will in konzentrierter, anschaulicher Form durch eine ausgew\u00e4hlte Dokumentation bisher weitgehend unver\u00f6ffentlichter Quellen einen Ansto\u00df in die vorgezeichnete Richtung geben. Denn nach wie vor gilt die Einsch\u00e4tzung Ernst Simons, der kurze Zeit nach Landauers Ermordung feststellen musste: \u201e[\u2026] schon droht Nebel, sein klares Bild f\u00e4lschend zu umh\u00fcllen. Schon sieht man Gustav Landauer als den Typ des \u203areinen Dulders\u2039 an, wenn man ihm wohl will \u2013 als den des \u203aunpraktischen Schw\u00e4rmers\u2039, wenn man ihn f\u00fcrchtet.\u201c\r\n\r\n(Aus dem einleitenden Beitrag \u201eGustav Landauer \u2013 Zu Leben, Werk und Wirkung\u201c von Michael Matzigkeit)", "other_titles": ["Die beste Sensation ist das Ewige: Gustav Landauer \u2013 Leben, Werk und Wirkung"], "isbn_10": ["392994510X"], "isbn_13": ["9783929945102"], "lccn": ["96143631"], "oclc_numbers": ["612329791", "34161148"], "lc_classifications": ["HX273.L26 B48 1995"], "latest_revision": 15, "revision": 15, "created": {"type": "/type/datetime", "value": "2008-11-04T14:25:37.054318"}, "last_modified": {"type": "/type/datetime", "value": "2024-07-18T14:19:57.322832"}}